Schöne neue Welt

Veröffentlicht am 08.02.2011 in Landespolitik

Die Gesellschaft befindet sich im Wandel. Wir hier in Stuttgart merken dies in vielfältiger Weise. Nicht nur, dass sich jedenfalls bei Großprojekten ein neues Verhältnis zwischen Politik und Bürgerinnen und Bürgern breitzumachen scheint, sondern auch in der Zusammensetzung der Bevölkerung insgesamt ist hier einiges evidenter als im übrigen Baden-Württemberg.

Während der Anteil der Ausländerinnen und Ausländer seit 1955 kontinuierlich angestiegen ist und dann Anfang der 90er Jahre mit etwa 23 Prozent an der Gesamtbevölkerung Stuttgarts seinen Höhepunkt erreicht hat, sinkt er seitdem leicht, aber stetig. Der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund hingegen steigt kontinuierlich und liegt derzeit bei knapp 40 % der Stuttgarter Bevölkerung. Das bedeutet, dass wir es bei Migration und Integration nicht mit einem Randthema zu tun haben. Leider muss man das auch heute noch immer wieder betonen, weil manche Politikerinnen und Politiker es offensichtlich nicht wahrhaben wollen, dass sich die Gesellschaft gewandelt hat. Eine Schulklasse, die einen MigrantInnenanteil von 40 und mehr Prozent hat, ist daher nicht eine außergewöhnliche und schon gar nicht eine „Problemklasse“, sondern stellt somit eigentlich eher den Normalfall dar. Außergewöhnliche Klassen sind die Klassen, die einen signifikant geringeren Anteil an MigrantInnen haben. Ebenso ist es ein gesellschaftliches Problem, wenn im Studium sehr viel weniger Personen mit Migrationshintergrund anzutreffen sind. Ein Problem ist es deshalb, weil diese Unterrepräsentation ein Indiz für ungleiche Bildungschancen ist.

Zieht man nicht die hirnquarkige These, dass Intelligenz ethisch bedingt sei, als Erklärung heran, muss die Ursache der Ungleichheit woanders zu suchen sein. Da es sich hierbei um ein durchgängiges Phänomen handelt – je höher die Bildungsstufe, desto weniger Migrantinnen und Migranten –, muss die Ungleichbehandlung System haben. Und es zeigt sich tatsächlich, dass wir hier systematische Verzerrungen haben. Personen ohne Migrationshintergrund (MH) haben zu 21 % einen Hauptschulabschluss. Mit MH sind es fast doppelt so viele (41 %). Sieht man sich die Fachhochschulreife bzw. das Abitur an, dann dreht sich das Verhältnis beinahe um: 44 % der Personen ohne MH haben die Berechtigung zu Studium, aber nur 28 % der Personen mit MH. Und eine Besserung ist nicht in Sicht: Im Schuljahr 2009/2010 lag der Anteil der deutschen Schülerinnen und Schüler in baden-württembergischen Gymnasien bei 95,5 %.

Da Bildungschancen auch Zukunftschancen sind, wirkt sich eine Fehlstellung in einem Bereich unweigerlich auch auf den anderen Bereich aus. Bei Personen mit MH ist der Anteil der Erwerbslosen 2,4fach höher als er dies bei Personen ohne MH ist (8,8 zu 3,7 %). Wer nicht möchte, dass wir Menschen systematisch ihrer Bildungs- und damit auch ihrer Fortkommenschancen berauben, muss also zum Schluss kommen, dass wir am Schulsystem einiges zu ändern haben.

Deshalb setze ich mich für einen kostenfreien Zugang zu allen öffentlichen Bildungseinrichtungen, vom Kindergarten über die Schulen bis hin zu den Hochschulen ein. Wenn wir es nicht schaffen, schon in den Anfangsjahren die besten Bedingungen zu schaffen, rächt sich das früher oder später. Kitas sind keine Kinderaufbewahrungsanstalten. Ihnen kommt ein zentraler Bildungscharakter zu. Wenn man diese Erkenntnis ernst nimmt, die in anderen Ländern schon längst eine Selbstverständlichkeit ist, dann kommt man dazu, dass wir eine Aufwertung des Erzieherberufs und eine Kita-Pflicht analog zur Schulpflicht benötigen. Und wenn wir den Kita-Besuch zur Pflicht machen, dann ist der konsequenterweise kostenfrei zu stellen.

Kinder aus sozial schwachen Familien müssen durch längeres gemeinsames Lernen in Ganztagsschulen mit gesundem Mittagessen besser unterstützt werden. Wir stellen fest, dass es leider häufig den Fall gibt, dass Kinder keine geregelten Essenszeiten haben, zum Teil nicht einmal ein warmes Essen am Tag. Eine Hausaufgabenbetreuung findet dabei ebenso wenig statt. Entweder sind die Eltern berufstätig, bei Alleinerziehenden noch viel mehr, oder sie sind vielleicht selbst nicht in der Lage, dem Kind angemessen zu helfen, weil sich vielleicht wegen sprachlicher Hemmnisse die Aufgaben nicht verstehen können. Hier ist das längere gemeinsame Lernen in der Gemeinschaftsschule die angezeigte Antwort, die sich aus den vielen Bildungsstudien ableiten lässt.

Dem Aussortieren, dem Segregieren und dem Hochhalten der Mär, nur durch das Fördern von Elite und Exzellenz sei den Begabten wie weniger Begabten, den AkademikerInnenkindern wie den bildungsfernen Kindern am ehesten gedient – jeder für sich, damit man sich ja nicht gegenseitig stört –, muss endlich ein anderes Verständnis von Bildung und von Bildungsgerechtigkeit entgegengesetzt werden. Dafür setze ich mich ein und hoffe dabei auf Ihre Unterstützung. Für einen echten Wechsel!

Ihr Dejan Perc

 
 

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