Die Geschichte der Sozialdemokratie im Stuttgarter Osten

von Ulrich Gohl (Bezirksbeirat)

Der Stadtbezirk Stuttgart-Ost mit heute gut 46.000 Einwohnern besteht im Kern aus vier recht unterschiedlichen alten Flecken: Berg, Gaisburg, Gablenberg und Ostheim.

Die strategisch günstigen Bergsporne von Berg und Gaisburg waren wohl schon in römischer Zeit besiedelt, treten jedoch nicht vor dem 12. Jahrhundert schriftlich in Erscheinung. Während Berg in den Besitz der Landesherrschaft fiel, blieb Gaisburg selbstständig.

Gablenberg, wahrscheinlich von Berg aus gegründet, wurde 1275 erstmals erwähnt und gehörte wohl „schon immer“ zu Stuttgart.

Berg gewann als Energielieferant für Stuttgart – eine erste Mühle taucht 1304 in den Akten auf, erste Manufakturen findet man bereits im 17. Jahrhundert – an Bedeutung,

Gaisburg und Gablenberg hingegen blieben arme Bauern- und vor allem Weingärtnerdörfer. Dies änderte sich mit der Industrialisierung. Gablenberg und Gaisburg entwickelten sich zu Arbeiterwohnorten; im letztgenannten Ort, der 1901 zu Stuttgart kam, siedelten sich wichtige Betriebe an, so das Gaswerk (1875) und der Schlachthof (1909). Die 1852 gegründete und 1867 nach Berg umgezogene Kuhnsche Maschinenfabrik erlangte bald Weltruhm, auch andere Fabriken in dem bereits 1836 nach Stuttgart eingemeindeten Ort Berg blühten auf. Auf freier Wiese errichtete der „Verein für das Wohl der arbeitenden Klassen“ des Hofrats Eduard (von) Pfeiffer 1891-1903 die „Kolonie Ostheim“ als mus­tergültige Arbeitersiedlung. Auch in ihrem Umfeld entstanden bedeutende Fabriken verschiedenster Branchen, etwa die Küblersche Strickwarenfabrik oder die Zigarettenfabrik Waldorf Astoria.

Als erste Organisationen der Arbeiterbewegung gründeten sich 1865 ein (kurzlebiger) Arbeiterbildungsverein und ein Konsumverein in Berg; im Jahre 1875 ist von Mitgliedern der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) in Berg die Rede. 1878 bestanden in Gaisburg eine wohl lockere Gruppe der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) und der sozialdemokratische Gesangverein „Vorwärts“, welche durch die „Sozialistengesetze“ jenes Jahres verboten wurden. Als sich deren Auslaufen andeutete, entstanden in der „Unteren Stadt und Prag“ (1886, 1894 umbenannt in „Stöckach“, 1898 aufgeteilt in „Stöckach“, „Berg“ und „Prag“), in Gaisburg und in Gablenberg (beide 1889) sozialdemokratische Arbeitervereine. Gleich nach Bezug der ersten Häuser in Ostheim kam 1893 der dortige „Bezirk“ hinzu. Um die Jahrhundertwende gab es in praktisch allen Stadtteilen sozialdemokratisch beeinflusste Arbeitergesangs- und -sportvereine.

1910 gründeten die Genossen das Waldheim Gaisburg, das gegen Ende der 20er-Jahre an die Kommunisten fiel; ab 1931 schufen sich die Sozialdemokraten das noch heute bestehende Waldheim Raichberg. 1913 hatten die hiesigen Parteibezirke an die 2500 Mitglieder. Wegen dieser Traditionen galt der spätere Stadtbezirk Stuttgart-Ost als der „rote Osten“. Dies schlug sich auch in den Wahlergebnissen nieder; bei der Gemeinderatswahl 1919 etwa errangen die linken Parteien in Ostheim zusammen 61,2 Prozent, in Gaisburg gar 66,8 Prozent – gegenüber „nur“ 44,5 Prozent in der Gesamtstadt.

Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten 1933 wurden auch die hiesigen sozialdemokratischen Organisationen verboten und enteignet, mindestens ein Genosse – Gotthilf Bayh – wurde ins „Schutzhaftlager“ Heuberg verschleppt. Im Herbst 1945 entstanden die SPD-Ortsvereine neu. Im Stuttgarter Osten waren es zunächst vier „Bezirke“, die nach und nach zu einem einzigen Ortsverein verschmolzen.